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PressemitteilungenFachtagung der Hessen-Caritas in Frankfurt

Fachtagung der Hessen-Caritas in Frankfurt

Brisantes Thema nicht erst in Zukunft: Armut im Alter schon heute ein Problem!

Frankfurt (cif). Ist Armut im Alter eine Chimäre oder ein echtes Problem der kommenden Jahre? Diese Frage stellte der Fuldaer Diözesan-Caritasdirektor Dr. Markus Juch, zugleich derzeitiger Vorsitzender der Hessen-Caritas, zu Beginn einer Fachtagung in Frankfurt an das Plenum gerichtet. Zu der Veranstaltung „Armut im Alter“ hatten die beiden Landesarbeitsgemeinschaften „Soziale Sicherung“ und „Altenhilfe/Pflege“ der Hessen-Caritas – jede für sich von dem Thema berührt – erstmals gemeinsam eingeladen. Im Rahmen der Fachtagung, die vom Geschäftsführer der Caritas-Landesarbeitsgemeinschaft (CLAG) „Soziale Sicherung“, Franz J. Meyer aus Fulda, vorbereitet worden war, sollte das Thema umfassend beleuchtet werden, zudem ging es darum mögliche Konsequenzen wie sozialpolitische Maßnahmen und praktische Handlungsschritte in der Caritas-Arbeit zu erarbeiten. Bernd Bleines, Vorsitzender der CLAG Soziale Sicherung, führte die Tagungsteilnehmer genauer ins Thema ein.

Wir sehen Herrn Professor Butterwegge von der Seite. Er trägt ein weinrotes T-Shirt und spricht in ein Mikrofon. Er gibt seinen Worten mit dem Heben der rechten Hand einen Aufschwung.

Der Kölner Professor Dr. Christoph Butterwegge während des Vortrages.

Das Auftaktreferat kam vom Kölner Professor Dr. Christoph Butterwegge, einem der profiliertesten Armutsforscher und Kritiker der Sozialpolitik Deutschlands: Er legte zunächst dar, dass Altersarmut im politischen Diskurs in Deutschland immer nur eine untergeordnete Rolle spiele und dass es dementsprechend bisher kein durchgängiges Konzept geschweige denn ernstzunehmende Maßnahmen gegen die Erscheinung der Altersarmut gebe. Butterwegge würdigte in seinem Vortrag ausdrücklich die Leistung Konrad Adenauers, dem es 1956/57 mit der Rentenreform und Etablierung des Umlagesystems bei der Rente gelungen war, die aus den Kriegsfolgen resultierende Altersarmut in Deutschland zu beseitigen. Dieses Phänomen, dass alte Menschen nicht genug Geld für ein würdiges Leben nach der Erwerbszeit haben, kehre nun aber zurück, und dafür – so machte Butterwegge deutlich – sei der Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik verantwortlich, als man sich bewusst vom Prinzip der Lebensstandardsicherung bei der gesetzlichen Rente abwandte und den Menschen zudem aufbürdete, einen immer größeren Teil ihrer Altersvorsorge zusätzlich zu den gesetzlichen Abzügen selbst anzusparen.

Butterwegge sah in der zunehmenden Spaltung der deutschen Gesellschaft in Arm und Reich sowie in der grundsätzlichen Linie der Politiker, diese Spaltung einfach hinzunehmen, ein grundsätzliches Hindernis, die Altersarmut in den Griff zu bekommen. Im Prinzip, so der Wissenschaftler von der Uni Köln, müsse die Politik der letzten zwei Jahrzehnte völlig umgekehrt, das Sozialsystem wieder gestärkt, die Rentenabsenkung zurückgenommen und der Anteil an prekären Arbeitsverhältnissen mit Minilöhnen gemindert werden. Denn nicht die Globalisierung sondern die kompromisslose Politik zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland habe dazu geführt, dass man heute auch mit einem lückenlosen Erwerbsleben als Rentner in Deutschland arm sein könne. Der frühere Konsens in der Politik, so Butterwegge, dass eine Rente auskömmlich sein müsse, sei längst Makulatur.

Der Caritas empfahl Prof. Butterwegge, die Sozialarbeit immer als gesellschaftliche Aufgabe zu verstehen und dabei sowohl ihre anwaltschaftliche Funktion wahrzunehmen als auch immer wieder aktiv in die politische Debatte einzusteigen – nur dann könnten Änderungen erreicht werden.

Hinter einem Rednerpult stehen links Herr Meyer und neben ihm Frau Sorge. Herr Meyer hält ein weißes Blatt in seinen Händen. Frau Sorge lächelt.

Geschäftsführer der Caritas-Landesarbeitsgemeinschaft Franz J. Meyer aus Fulda im Gespräch mit Tanja Sorge

Ein zweiter Vortrag kam von Tanja Sorge, Leiterin des Arbeitsbereiches Sozialrecht beim Deutschen Caritasverband, die über den Zusammenhang eines Pflegerisikos mit der Altersarmut sprach. Dabei wurde zum einen deutlich, dass bei vielen Senioren mit Kleinrenten im Falle von Pflegedürftigkeit rasch Finanzierungslücken entstünden – immerhin betrugen die anfallenden Pflegekosten in der Summe – je nach Pflegestufe und Dauer der Pflege – bei Männern durchschnittlich 42.000 Euro und bei Frauen sogar 84.000 Euro. Gleichzeitig, so Sorge, aber riefen viele der alten Menschen die ihnen zustehende Hilfe zur Pflege nicht ab – wohl aus Scham oder aus der Befürchtung heraus, dass Angehörige womöglich für die Sozialleistung in die Pflicht genommen würden. Tanja Sorge betonte, dass zudem das bestehende Wunsch- und Wahlrecht bezüglich der Pflegeeinrichtung bei armen Pflegebedürftigen mit dem Hebel der „unverhältnismäßigen Mehrkosten“ immer öfter eingeschränkt würde.

An einem großen runden schwarzen Tisch sitzen 13 Teilnehmer. Viele schauen zum einem Mann, vorn im Bild. Er hebt seine rechte nach oben geöffnete Hand. Viele Teilnehmer haben Unterlagen oder eine Flasche Wasser mitgebracht. Im Hintergrund sehen wir eine Pinwand und ein Flipshart.

Diskussionen in den Workshops

In drei Workshops diskutierten die Teilnehmer der Fachtagung Einzelaspekte der Altersarmut und ihrer Bekämpfung, bevor in einer abschließenden Podiumsdiskussion unter der Moderation von Gunter Geiger, Fulda, von Caritasdirektor Juch, der SPD-Landtagsabgeordneten Regina Müller und dem FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Heinrich Kolb das Thema auch unter seinem landes- und bundespolitischen Bezug diskutiert wurde. Heinrich Kolb betonte, nach seinem Ermessen müsse nicht mit einer flächendeckenden Altersarmut gerechnet werden. Er identifizierte die Langzeitarbeitslosen, die Alleinerziehenden mit eingeschränkter Erwerbstätigkeit sowie die Kleingewerbetreibenden als drei Risiko-Gruppen, auf die man verstärkt den Blick richten müsse, um prekäre Situationen im Alter zu verhindern. Regina Müller unterstrich, dass ein Solidarsystem es leisten müsse, alten Menschen ein Leben in Würde und ohne Armut zu ermöglichen, ohne dass die Interessen der jungen Menschen dabei missachtet und sie ihr Vertrauen in das System verlieren würden. Ein intaktes Solidarsystem sei auch deshalb wichtig, weil private Vorsorge eben genau bei Menschen mit wenig finanziellen Möglichkeiten nicht funktioniere. Diese Menschen würden dann eben auch außerhalb des Rentensystems auf die Solidargemeinschaft angewiesen sein, so die Landtagsabgeordnete.

Wir schauen zum Podium, welches sich aus drei Herren und einer Dame, gebildet hat. Jeder von ihnen hat ein Mikrofon und eine Namensschild vor sich. Links außen sitzt der Caritasdirektor Dr. Markus Juch. Er hebt seine ausgestreckte rechte Hand.

Zum Abschluss an die Tagung wurden Fragen im Plenum diskutiert.

Moderator Geiger bezog nach und nach das Plenum in die Diskussion ein, so dass auch die in den Workshops aufgeworfenen Fragen eingebracht werden konnten.

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